«Von Reisen nach Balochistan wird abgeraten»

Am 14. Juni 2019 fuhren wir bei knapp 40 Grad über die iranisch-pakistanische Grenze in Taftan. Unsere Freunde, die einige Wochen zuvor die Grenze passierten, erzählten uns von grossen Überschwemmungen im Grenzgebiet. Durch die hohen Temperaturen trocknete der Schlamm schnell und wurde zu Staub. Als wir die Grenze passierten, hinterliess jedes Fahrzeug eine riesige Staubwolke. Wir waren froh, eine Klimaanlage zu haben, um mit geschlossenen Fenstern fahren zu können. Im Gegensatz zur iranischen Seite, wo wir um Hamids – unser «Schlepper» vom Touristen Departement – Hilfe bei den unzähligen Grenzformalitäten froh waren, waren die Pakistanis gut organisiert und konnten uns jeweils problemlos erklären, zu welchem Schalter wir als nächstens hingehen müssten. Die Grenzformalitäten waren deshalb schnell erledigt und wir wurden gegen Mittag zum ersten Checkpoint der Levies – Paramilitär in Stammesgebieten – eskortiert. Es war ein kleiner, ummauerter Innenhof mit wenigen, dunklen Räumen, der von einem bewaffneten Levie bewacht wurde. Wir betraten Terrorgebiet – zumindest sagt das unser auswärtiges Amt. Es bestehe ein hohes Entführungsrisiko und die Gefahr bewaffneter Überfälle sei in dieser Region – Balochistan – gross. Dass jede Woche einige Touristen ohne Zwischenfälle in ihren Fahrzeugen Balochistan durchqueren, beruhigte uns jedoch.

Zu unserer Überraschung teilten die netten und fürsorglichen Levies uns mit, dass die Eskorte durch Balochistan schon am selben Tag starten würde. Zuvor lasen wir von vielen Reisenden, sie hätten auf der Leviestation übernachten müssen und hätten erst am nächsten Tag starten können. Gegen ein Uhr nachmittags fuhren wir also los. Vor uns fuhr ein Pickup mit einigen schwerbewaffneten Levies bis zum nächsten Checkpoint an der Stammesgrenze. Dort mussten wir aussteigen und wurden sofort von schwer Bewaffneten in einen kleinen gemauerten Checkpost gebracht, wo wir unsere Personalien in ein staubiges Notizbuch eintrugen. Sie servierten uns kalte Getränke, wir hielten Smalltalk und machten die obligaten Selfies, bevor wir mit den neuen Beschützern weiterfuhren durften. Diese Zeremonie wiederholte sich jeden Tag so an die 20 Mal. Da der Leviewechsel an den Checkpoints aus verschiedensten Gründen – Teetrinken, Essen, Smalltalks, defekte Pickups, Selfies – lange dauerte, kamen wir schleppend voran. Abends gegen sieben Uhr erreichten wir unseren ersten Schlafplatz in Dalbandin. Im Hotel wurden wir die ganze Nacht von zwei bewaffneten Levies bewacht. Wir schliefen im Auto auf dem Parkplatz vor dem Hotel und durften die Dusche der «VIP Suite» benutzen. Wir bemerkten schnell, dass die Hotelstandards in Pakistan wohl nicht denen im Iran entsprechen, was sich sodann auch während unserer sieben Wochen in Pakistan immer Mal wieder bestätigte. Es scheint, dass nach dem Bau der Hotels in keinerlei Unterhalt investiert wird.

Morgens um sieben Uhr ging es für uns weiter Richtung Quetta. Die Levies beobachteten die Einöde und die Strasse, ansonsten wirkten sie meist entspannt. Der Weg nach Quetta führte uns durch endlose Wüsten und Gebirge, immer der afghanischen Grenze entlang. Teilweise waren wir weniger als 25 km von Afghanistan entfernt. Je näher wir der Stadt Quetta kamen, desto nervöser wurden wir. Die Sicherheitslage in Quetta sei prekär. Aufgrund der Nähe zu Afghanistan sei sie Rekrutierungs- und Rückzugsgebiet der Taliban. Häufig würden Terroranschläge ausgeübt. Kurz vor der Stadt wurde der Pickup ausgetauscht und wir wurden nun von vier Motorrädern mit je zwei schwerbewaffneten Polizisten der Antiterroreinheit durch die Stadt eskortiert. Sie waren sehr bemüht, dass wir zwischen ihnen durch den dichten Verkehr durch Quetta kamen und uns niemand zu lange zu nahe kam. Hierfür genierten sie sich auch nicht, die Sirene zu benutzen. An verschiedenen Checkpoints in der Stadt wechselten wir die Eskorte. Während wir auf die nächste Eskorte warteten, wurden wir von schwer bewaffneten Polizisten umzingelt, welche die Gegend um uns herum beobachteten. Als wir die schwer bewachte Polizeistation – wo wir uns die nächsten drei Tage einquartierten – in Quetta erreichten, fiel die Anspannung von uns weg und wir fühlten uns sicher.

Reisende durch Balochistan müssen eine Sondergenehmigung, sogenanntes No Objection Certificate (NOC), in Quetta organisieren. Da wir am Samstagabend ankamen und das Büro erst wieder montags offen hatte, konnten wir erst am Dienstag von Quetta weiterreisen. Das sogenannte Home Office war zwar nur knapp zwei Kilometer entfernt, der Weg führte jedoch durch verschiedene Zuständigkeitsgebiete. Da Pakistanis die Gebietsgrenzen ernst nehmen, mussten wir die Eskorte auch hier mehrmals wechseln. Das Gebäude betraten wir in Begleitung eines bewaffneten Polizisten durch den Hintereingang. Wir wurden von einem Büro zum nächsten begleitet und bis wir das NOC in den Händen hielten, vergingen einige Stunden. Quetta war dreckig und heiß. Die Polizisten versuchten uns das Leben jedoch so angenehm wie möglich zu machen. So wurden wir zum Essen eingeladen, durften bei ihnen im Innenhof sitzen und ihre Dusche benutzen. Nichts desto trotz waren wir super glücklich am Dienstag weiterreisen zu dürfen.

Von Quetta wurden wir durch das Landesinnere bis nach Sukkur eskortiert. Wir durchquerten eines der heissesten Gebiete der Erde, wo das Thermometer teilweise bis auf 50 Grad kletterte. Wir entschieden uns deshalb, in Sukkur in einem klimatisierten Hotelzimmer zu übernachten – übrigens das erste Mal während unserer Reise. Das Hotel, eines der Wenigen in der Stadt, welches Ausländer beherbergt, wurde nachts zwar von einem Levie bewacht – wir durften das Hotel nicht verlassen –, zu unserer Überraschung durften wir aber am nächsten Morgen nach fünf Tagen Dauerüberwachung das erste Mal alleine in Pakistan fahren. Wir genossen unsere neue Freiheit, waren uns jedoch nicht sicher, ob wir beim nächsten Checkpoint nicht doch noch Polizeischutz erhalten würden. Wir versuchten deshalb, uns im dichten Verkehr vor den zahlreichen Checkpoints zu verstecken. Bis nach Islamabad wurden wir nur einmal von der Traffic Police angehalten. Die Polizisten wollten jedoch nur wissen, ob wir tatsächlich von der Schweiz bis nach Pakistan gefahren seien und luden uns zum Abendessen ein. Glück gehabt. Nach einigen Selfies verabschiedeten wir uns aber wieder, weil wir den heissen Süden so schnell wie möglich hinter uns lassen wollten.

Sobald wir pakistanischen Boden betraten, bemerkten wir, dieses Land ist anders und wir hatten einen kleinen Kulturschock. Die Bevölkerungsdichte ist extrem hoch und wir waren immer von Menschen umgeben. Auf den Strassen tummelten sich neben Lastwagen, Autos, Rikschas, Motorrädern und Passanten auch Kühe, Esel, Ziegen und Schafe. Das Anstrengendste waren wohl die Überlandbusse. Sie bahnten sich ihren Weg durch den dichten Verkehr mit lautem Gehupe, fuhren keinen Meter zur Seite und würden wohl nur im äussersten Notfall bremsen. Auch wenn es nicht immer einfach war, waren wir trotzdem froh, mit unserem eigenen Auto unterwegs und nicht auf den öffentlichen Verkehr angewiesen zu sein. Die meisten Städte sind dreckig, laut und staubig. In gewissen Gebieten und Städten sahen wir während der Durchfahrt keine Frauen oder Mädchen. Trotzdem waren wir von dem Land und den Leuten fasziniert und freuten uns darauf, mehr davon zu sehen.

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